6 Fragen zu „Start with a Friend“ an Mulham Bubel und Otis Benning
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6 Fragen zu „Start with a Friend“ an Mulham Bubel und Otis Benning

1. Der Name des Vereins verrät schon, worum es geht: um Freundschaften und darum, Geflüchteten durch Freundschaften den Neuanfang in Deutschland zu erleichtern. Warum sind Freundschaften für einen Neuanfang so wichtig?

Otis Benning: Viele fühlen sich hier nicht zugehörig, auch nach längerer Zeit in Deutschland. Es ist nicht wirklich schwer sich vorzustellen, warum das so ist. Man kommt in ein neues Land, hat viel erlebt, wird mit Vorurteilen und „bösen Blicken“ bedacht und häufig in einen Topf mit Menschen geschmissen, die die Situation für den eigenen Vorteil missbrauchen. Außerdem sind viele Menschen auch resigniert. Früher haben sie Jura studiert, waren Ärzte oder hatten eigene Unternehmen. Heute arbeiten sie in Wäschereien, machen eine Ausbildung zum Installateur oder arbeiten auf einer Baustelle. Das bedeutet für sie trotz der sichereren Lebenslage als in ihren Heimatländern zumindest einen Statusverlust. Auf die individuellen Schicksale und Gefühle einzugehen können Integrations-, Sprach- und Jobcenter-Kurse nicht leisten. Das können nur Freunde und Bekannte. Wenn man aber nur von Menschen umgeben ist, die in derselben Situation stecken, dann wird der Frust unter Umständen noch größer. Viel besser, wenn es auch Menschen im Umfeld gibt, die sie in eine „normalere“ Welt entführen können, in der es nicht immer nur um Sprachkurse, Arbeit oder Ausbildung geht, sondern einfach nur um Spaß und eben um Freundschaft. Die positiven Nebeneffekte stellen sich dann automatisch ein: Die Sprache fällt einem leichter, weil man sie nicht nur mit Schulstress verbindet. Die Arbeit macht einem mehr Spaß, weil man dafür gefeiert und bewundert wird, so schnell Fortschritte zu machen. Die Zukunft wird bunter, weil man mehr über das hiesige System lernt und statt nur der einen auch noch viele weitere Perspektiven gezeigt bekommt. Außerdem wird man nicht mehr als „der Geflüchtete“ wahrgenommen, sondern als „einer von uns“. Und meiner Meinung und Erfahrung nach, gibt das vielen Menschen sehr, sehr viel Kraft.

2. Mulham, du bist selbst 2015 aus Syrien hierhergekommen und engagierst dich mittlerweile selbst als Vermittler im Verein. Siehst du das auch so?

Mulham Bubel: Ja, der Mensch ist ein Teil der Gesellschaft. Nach seiner Geburt lernt er zuerst seine Eltern kennen, dann seine Geschwister und die ganze Familie. In der Schule kommen dann Freunde dazu und mit der Zeit, lernt er seine Gesellschaft verstehen.

Wenn man sich dann in einem neuen Land befindet, in einer neuen Gesellschaft, in einem neuen Leben ohne seine Familie, ohne seine Freunde, wie kann man ein neues Leben beginnen? Wie kann man die neue Gesellschaft kennenlernen und sich in dieser integrieren? Das geht nur darüber, die Sprache und neue Freunde kennenzulernen. Durch die Freunde lernt man die Sprache besser, und erfährt etwas über die Gesellschaft, Kultur, Bräuche und Traditionen. Deshalb sind Freundschaften so wichtig für einen Neuanfang. Sich einsam zu fühlen, ist dagegen ein sehr schwieriges Gefühl, das zu Frustration, Faulheit und Depression führen kann. Aber mit guten Freunden und tollen Erlebnissen wird man sich nicht einsam fühlen und sein Leben schneller neu aufbauen.

3. Wie kam es zur Gründung des Vereins? Und wie schafft Ihr es, dass tatsächlich Freundschaften entstehen?

Otis Benning: Start with a Friend wurde in Berlin gegründet. In den Jahren 2014-2015. Das geschah vor allem, weil die Gründerinnen mitbekommen hatten, dass es zwar vielerorts schon Versuche gab, Tandems – also Geflüchtete und Locals – zusammen zu bringen, das aber auf Grund von fehlender Struktur und fehlendem Fokus nicht wirklich gelang. Die Idee baute sich auf drei Pfeilern auf: Einer persönlichen Vermittlung von Tandempartnern, die nicht auf Zufall beruht, sondern auf Einschätzungen geschulter „Vermittler“, zu denen mittlerweile auch Mulham zählt. 2. Einer Betreuung der Tandems in bestimmten Fragen zu Asyl etc., damit sich die Tandempartner auf die Freundschaft und nicht auf die Hilfe konzentrieren konnten – denn unser Kerngedanke ist die Freundschaft auf Augenhöhe 3. Bildung einer Community, die sich als Austauschplattform und Ideengeber für Tandems, Geflüchtete und Locals versteht. Die Tandems sollten nicht gänzlich auf sich allein gestellt werden, sondern sich einer größeren Gruppe von offenen Menschen zugehörig fühlen können. Die verschiedenen Communitys in unseren 22 Standorten sowie die Freizeitaktivitäten, die dort ausgeübt werden, zeigen, dass das Anfangskonzept gut angenommen wird und flexibel auf die Teilnehmer und deren Interessen und Bedürfnisse eingehen kann.

Mulham Bubel: Die Freizeitaktivität kann wie gerade in Köln auch einfach mal eine       gemeinsam organisierte Party sein.

Otis Benning: Genau, jeder darf mitwirken und jeder kann Ideen einbringen. Natürlich gibt es   auch hier noch Möglichkeiten zur Verbesserung. Doch wir bekommen regelmäßig das       Feedback, dass wir anders als andere Organisationen sind, viel attraktiver dafür sind, sich         auch einmal auszuprobieren. Für mich ist das wie ein großer Kindergarten – im positiven           Sinne. Einfach mal ausprobieren und gucken, wie es läuft.

4. Aber ihr habt doch bestimmt auch einige Regeln? Wie läuft das genau ab?

Otis Benning: Geflüchtete und Locals melden sich bei uns online zu Infoabenden oder persönlichen Treffen an. Hier treffen sie das erste Mal auf unsere VermittlerInnen. Um besser auf sprachliche Hürden eingehen zu können, treffen wir Geflüchtete meist zu Einzelgesprächen, während Einheimische auch in Gruppen „gebrieft“ werden können. Zwar ist unser Konzept grundlegend einfach, jedoch gibt es auch einiges zu beachten, denn es ist natürlich komisch, einen Fremden auf so geleitetem Wege nahegebracht zu werden. Das gilt für Locals und Geflüchtete gleichermaßen. Durch unsere Informationen versuchen wir beide Seiten so gut wie möglich auf diese Situation vorzubereiten und erklären zusätzlich, was ihnen „Start with a Friend“ (SwaF) noch bietet aber auch, was für Regeln wir vorschreiben. Wir sind zum Beispiel keine Datingplattform und verbieten unseren Mitgliedern jegliche Form von Diskriminierung.

Der zweite Schritt ist die Registrierung. Unsere VermittlerInnen lernen nun die Interessierten persönlich in Einzelgesprächen kennen und füllen einen kurzen Fragebogen aus, damit später Tandemempfehlungen aufgrund von Hobbys, Interessen, Persönlichkeit etc. ausgesprochen werden können. Der oder die VermittlerIn ist auch die ganze Zeit HauptansprechpartnerIn bei allen Fragen rund ums Tandem. Die Tandempartner werden sich gegenseitig vorgeschlagen, indem sie eine anonymisierte Kurzbeschreibung zugeschickt bekommen, und können einem Treffen zustimmen oder absagen. Nun hoffen wir darauf, dass sie sich auch wirklich verstehen. Eine Tandempartnerschaft sollte sechs Monate bestehen. In ca. 2/3 der Fälle verstehen sich die Tandems übrigens so gut, dass sie sich auch nach sechs Monaten weiterhin treffen. Was sie genau machen, steht ihnen frei. Für alle Mitglieder, die in einem Tandem oder noch nicht in einem Tandem sind, stehen außerdem alle Community-Veranstaltungen offen.

5. Warum ist es nötig, eine Plattform für potentielle Freundschaften zu schaffen? Was meinst Ihr, woran das liegt, das die Kontaktaufnahme sonst eher schwierig ist?

Otis Benning: Wir sind immer noch geprägt von den Fehlern, die unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern begangen haben. Ja, das mag für einige bitter erscheinen aber ich spreche von „Fehlern“ verschiedener Generationen. Damit habe ich mir auch schon häufiger Ärger eingeholt. Aber waren es nicht unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern die unter anderen im Nachkriegsdeutschland Gastarbeiter nach Deutschland geholt haben und sich dann eine ganze Weile nicht darum geschert haben, auch diese mit in die Gesellschaft zu integrieren? Aus heutiger Perspektive darf man den Fehler, ein System der Segregation explizit oder implizit unterstützt zu haben, nicht ignorieren. Denn daraus müssen wir lernen und daraus können auch unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern noch lernen. Über die fehlenden Austauschmöglichkeiten und Plattformen zwischen Einwanderern und Deutschen haben sich Lager gebildet. Hier in Köln wird oft von „denen in Kalk & Mülheim“ geredet, als gehörten sie nicht wirklich dazu. Auf der anderen Seite haben viele Angst vor einer Segregation und der Bildung von Subkulturen. Also sind sie gegen zu viel Einwanderung und fordern verpflichtende Deutschkurse. Gleichzeitig zeigen sie sich gegenüber Menschen die neu nach Deutschland kommen auf den Straßen und in den Clubs skeptisch. Wohin so ein Verhalten in ein paar Jahren führen kann, dass mag ich mir lieber nicht ausmalen. Zum Glück gibt es aber auch sehr viele Menschen von beiden Seiten, die mit allen Mitteln verhindern wollen, dass die Pessimisten mit ihren veralteten Vorstellungen Recht behalten. Überall und nicht nur über SwaF wird versucht, Kontakt zu knüpfen und Austausch zu schaffen. Das alles, damit wir in Zukunft nicht mehr von „denen“ sprechen und über „die“ schimpfen. Dann schimpft man eventuell über Markus oder Ahmad.

Was kann jeder Einzelne tun, um den Neuanfang zu erleichtern?

Otis Benning: Man sollte sich aktiv einbringen.

Mulham Dubel: Das gilt für beide Seiten. Man sollte so schnell wie möglich die Sprache lernen und auch als Neuankömmling muss man geduldig sein. Mit sich und mit anderen. Mit der Zeit und seinem Engagement in der Gesellschaft kann man sich selbst beweisen und das Vertrauen der Menschen gewinnen.

Otis Benning: Und mit den Menschen, die neu nach Deutschland kommen, zu diskutieren ist was ganz anderes als über sie zu diskutieren. Wie soll man Geflüchtete verstehen, wenn das Einzige, das man über sie hört, aus den Mündern von Deutschen kommt, die sie entweder verteidigen oder schlecht reden – und im Zweifel noch nicht mal kennen. Es gibt noch keine einheitliche Vertretung oder Partei von Geflüchteten Menschen in Deutschland oder Europa. Deswegen liegt es an jedem von uns, sich mit den einzelnen Menschen auseinanderzusetzen. Und hierbei ergibt sich auch eine perfekte Möglichkeit, neue Freunde kennen zu lernen. Über 8.000 Menschen haben das in den letzten Jahren schon bei SwaF gewagt. Das sind schon sehr viele aber es gibt immer noch Luft nach oben.

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