Mann springt mit einem Kopfsprung in einen kalten Pool

Leverage: So nutzt du deine Ressourcen in Krisenzeiten

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Manchmal reicht ein einziger Moment, in dem sich alles verändert, in dem trotz aller Erfahrung und Expertise der Boden unter den Füßen zu schwanken beginnt. Oder wir werden plötzlich ins kalte Wasser geworfen und müssen schnell Orientierung finden. Für solche Situationen gibt es einen einfachen Navigations-Prozess, der für mehr emotionale Stärke und strategische Klarheit sorgt.

Stell dir vor, du trittst einen neuen Job an. Es ist der 1. Oktober 2020, mitten in der Corona-Pandemie. Auf deiner Visitenkarte steht ab sofort: »Geschäftsführende Direktorin Öffentlichkeit und Fans« beim Deutschen Fußball-Bund. Der Verband will Veränderung von außen und entscheidet sich bewusst für jemanden, der nicht aus der Fußballwelt kommt. Jemand ohne Abhängigkeiten von Seilschaften, dafür aber mit Erfahrung in Führung und Kommunikation in turbulenten Zeiten. Die erste Woche geht, trotz der unruhigen Pandemiezeit, vergleichsweise ruhig vonstatten und das Onboarding läuft nach Plan. Doch dann kommt Mittwoch, der 7. Oktober 2020 und alles nimmt eine unerwartete Wendung:

Hausdurchsuchung, 200 Beamte im Gebäude und eine Armada an Medien samt Ü-Wagen vor der Tür. Der DFB erlebt die wahrscheinlich größte Razzia seiner Geschichte. Ein medialer und menschlicher Tsunami nimmt seinen Lauf und löst eine Krise aus, die den Verband und seine Führungsspitze nicht nur tief erschüttert, sondern an seine emotionalen Grenzen bringt.

Im kalten Wasser, in dem ich mich seit einer Woche im neuen Job befinde, türmen sich die Wellen. Und zwar ohne Vorwarnung. Mir ist klar: Wenn ich jetzt nicht handlungsfähig bleibe und den Kopf über Wasser halte, gehe ich unter. Die folgenden Monate werden zum Balanceakt. Zwischen Krisenkommunikation und interner Stabilisierung. Zwischen Schlagzeilen, Verunsicherung und dem Versuch, Orientierung zu geben. Ich versuche, Ruhe zu bewahren, mediale Brände zu löschen und dennoch die Richtung nicht zu verlieren. Das Vertrauen meines Teams und meine Erfahrung mit schwierigen menschlichen Dynamiken werden meine stärksten Anker.

Was ich damals erlebe, ist im Ausmaß sicherlich besonders, aber in seiner emotionalen Intensität kein Einzelfall. Turbulente Zeiten haben viele Ursachen und genauso viele Gesichter. Eine berufliche Krise, eine private Erschütterung, eine schwierige Entscheidung, für die es keine Blaupause gibt. Deshalb bleibt uns nur unsere Selbstwirksamkeit für solche Momente zu stärken.

Erste Schritte aus der Krise

Die ersten Schritte in Krisenzeiten sind immer, die eigenen Emotionen zu begreifen und einzuordnen, sich an die neuen Realitäten anpassen und die eigenen Ziele zu definieren. Oft entsteht nach diesen ersten Schritten allerdings eine innere Leerstelle: Wie komme ich von hier nach dort? Womit gehe ich los? Welche Hebel kann ich nutzen? Hier beginnt die Leverage-Phase, wie ich sie nenne. Sie macht sichtbar, was bereits da ist: deine Fähigkeiten, deine Erfahrungen und dein Netzwerk. Leverage bedeutet, diese Ressourcen zu erkennen und neu zu kombinieren, damit du sie bewusst und zielgerichtet einsetzen kannst.

Man sieht gerade in Krisenzeiten erst die eigenen Defizite. Unter Stress verengt sich unser Blick. Evolutionspsychologisch ist das logisch. In echter Gefahr musste unsere Aufmerksamkeit früher auf das Überlebensnotwendige fokussieren. Heute führt derselbe Mechanismus dazu, dass wir im Alltag oft nur sehen, was fehlt, statt zu erkennen, was schon da ist.

Die Psychologin Barbara Fredrickson beschreibt dieses Verhalten in ihrer »Broaden-and-Build-Theorie«. Negative Emotionen verengen unseren Aufmerksamkeitsfokus, positive erweitern ihn. Wenn wir gestresst, verunsichert oder überfordert sind, nehmen wir buchstäblich weniger Optionen wahr, als tatsächlich vorhanden sind. Wir fühlen uns dann eingeschränkt, obwohl unser Handlungsspielraum objektiv größer ist.

Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus unserer Wahrnehmung: die sogenannte Verfügbarkeitsheuristik. Unser Gehirn schätzt die Bedeutung von Ereignissen danach ein, wie leicht wir uns Beispiele dafür ins Gedächtnis rufen. Negative Erfahrungen sind oft emotional intensiver und dadurch präsenter. Deshalb überschätzen wir Risiken und unterschätzen unsere Fähigkeit, produktiv mit ihnen umzugehen.

Die Psychologie der Ressourcenblindheit

Die stärksten Hebel für Krisen liegen oft dort, wo wir sie am wenigsten vermuten. Häufig verstecken sie sich hinter all dem, was uns selbstverständlich erscheint. In Fähigkeiten, die wir für »normal« halten. Oder in Verbindungen, die im Alltag so vertraut sind, dass wir ihren Wert unterschätzen.

Fragst du jemanden: »Was ist deine größte Stärke?«, zögern viele, werden verlegen oder sagen: »Eigentlich kann ich nichts Besonderes.« Dieselben Menschen haben in den vergangenen Jahren komplexe Projekte geleitet, schwierige Konflikte gelöst, kreative Ideen entwickelt oder andere durch schwere Zeiten begleitet. Warum sehen sie ihre eigenen Stärken nicht?

Die Antwort liegt in einer Besonderheit unserer Psyche: Was uns am leichtesten fällt, nehmen wir am wenigsten wahr. Genau deshalb werden unsere stärksten Fähigkeiten zu »blinden Flecken«. Sie sind so selbstverständlich für uns, dass wir sie nicht als besondere Kompetenz erkennen.

Drei typische Denkfallen, in die wir alle schon geraten sind:

  • »Das kann doch jeder« – du hältst deine Fähigkeiten für selbstverständlich.
  • »Das war nur Glück« – du schreibst Erfolge äußeren Umständen zu.
  • »Das ist doch normal« – du unterschätzt was da ist.

Die Macht der übersehenen Ressourcen

Wenn wir unsere Ressourcen bewusst erkennen und nutzen, geschieht auf neuronaler Ebene etwas Erstaunliches. Das Erleben von Selbstwirksamkeit – das innere Gefühl, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können – aktiviert das Belohnungssystem und beruhigt gleichzeitig jene Hirnregionen, die Stress und Angst verstärken. Wir fühlen uns klarer, stabiler und handlungsfähiger.

Wenn Menschen an ihre Ressourcen denken, denken sie allerdings meist an einzelne Qualifikationen oder Kompetenzen. Doch echte Handlungsfähigkeit entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener Ressourcenarten:

  • Fachliche Ressourcen: Dein Wissen, deine Erfahrungen, deine methodischen Kompetenzen. Sie sind oft am sichtbarsten, aber nicht immer am wirksamsten.
  • Soziale Ressourcen: Deine Beziehungen, dein Netzwerk, deine Fähigkeit zur Zusammenarbeit. In einer vernetzten Welt sind sie oft entscheidender als fachliche Brillanz.
  • Emotionale Ressourcen: Deine inneren Kraftquellen – Werte, Überzeugungen, Resilienz, die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen. Sie bestimmen, wie lange du durchhältst und wie schnell du dich von Rückschlägen erholst.
  • Strategische Ressourcen: Deine Fähigkeit, komplexe Situationen zu durchdringen, Muster zu erkennen, Entscheidungen zu treffen. Sie machen den Unterschied zwischen Reagieren und bewusstem Gestalten.

Die vier Ressourcenfelder – fachliche, soziale, innere und strategische Ressourcen – entfalten ihre größte Wirkung, wenn sie zielgerichtet zusammenspielen. Ein verlässliches Netzwerk kann fachliche Lücken ausgleichen. Innere Stabilität schafft Raum für strategische Entscheidungen. Erfahrung kann soziale Beziehungen vertiefen. Oft entsteht Stärke genau dort, wo sich diese Bereiche gegenseitig unterstützen.

Der Ressourcen-Scan: Systematisch statt chaotisch

Ein Ressourcen-Scan entfaltet seine größte Wirkung nicht nur in Krisen, sondern auch

  • bei Überforderung: Wenn du das Gefühl hast »Mir fehlt alles« oder »Das schaffe ich nie«
  • vor größeren Projekten: Um realistisch zu planen und alle verfügbaren Hebel zu nutzen
  • in Umbruchphasen: Um bewusst zu entscheiden, was du mitnimmst und was du loslässt

Ein Beispiel: Ein Manager, der sich völlig überfordert fühlt, macht einen systematischen Ressourcen-Scan. Im ersten Moment denkt er: »Ich habe nichts – zu wenig Zeit, zu wenig Budget, zu wenig Erfahrung.«

Als er jedoch strukturiert durch die vier Ressourcenfelder ging, erkennt er:

  • Fachlich: Projektmanagement-Zertifikat, das er völlig vergessen hatte
  • Sozial: Zwei Teammitglieder mit Kompetenzen, die er gar nicht berücksichtigt hatte
  • Emotional: Eine ähnliche Situation vor drei Jahren, die er erfolgreich gemeistert hatte
  • Strategisch: Ein Tool für Kapazitätsplanung, das er aus einer Schulung mitgenommen, aber als Hebel für Planung, Priorisierung und Steuerung nie richtig genutzt hatte

Das Ergebnis: Statt sich weiter überfordert zu fühlen, kann er gezielt delegieren, seine Erfahrung abrufen und seine Planungstools aktivieren. Die Ressourcen waren alle bereits vorhanden – er hatte sie nur nicht systematisch betrachtet und daher ihren Nutzen für seine Situation nicht erkannt.

Die Kunst besteht darin, diese Bereiche nicht isoliert zu betrachten, sondern ihre Wechselwirkungen zu nutzen. Ein vertrauensvolles Netzwerk kann fachliche Lücken ausgleichen. Innere Stabilität kann strategische Klarheit ermöglichen. Erfahrung kann soziale Beziehungen stärken – und umgekehrt.

Klarheit über die eigenen Ressourcen ist der Moment, in dem Krisen ihre Macht verlieren und du deine zurückgewinnst. Sie ist die Voraussetzung dafür, entschlossen ins Handeln zu kommen.

Buchtipp:

Klarheit: Impulse für mehr Stabilität und Selbstvertrauen mit der C.O.L.D.-Water-Methode
Mirjam Berle
ISBN 978-3800679706