4 Fragen an Sevgi Ates zum Thema Heimat - Montagshappen
2278
post-template-default,single,single-post,postid-2278,single-format-standard,cookies-not-set,qode-news-1.0,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-child-theme-ver-1.0.0,qode-theme-ver-12.0.1,qode-theme-bridge,wpb-js-composer js-comp-ver-5.4.2,vc_responsive
 

4 Fragen an Sevgi Ates zum Thema Heimat

Im Montagshappen-Interview spricht Sevgi Ates darüber, was Heimat für sie bedeutet, was das mit Fußball zu tun hat und über die Verantwortung, die Unternehmen ihrer Heimatregion gegenüber haben.

Was bedeutet für Sie Heimat und was ist der Spirit dahinter?

Erstaunlicherweise hat mich trotz meines Backgrounds noch nie jemand gefragt, was für mich Heimat bedeutet. Ich möchte meine Definition an dieser Stelle gerne zweiteilen:

  1. Für mich und sicherlich auch viele andere bedeutet Heimat, ein Umfeld und die Menschen darin, aber auch ein Ort voller Erinnerungen aus der Vergangenheit. Persönlich liegt Heimat für mich an dem Ort, an dem ich meine Kindheits- und Teenagertage verbracht habe. Ich spreche also von meiner sozialen Heimat. Ich glaube aber, dass sich die Heimat meines Vaters in der Türkei am Schwarzen Meer wie Heimat anfühlen wird, wenn ich dort einmal sein werde.
  2. Im Zusammenhang mit Spirit, das heisst, auf der geistig-emotionalen Ebene, spreche ich gerne über ein seelisches Zuhause einer Person, eines Teams oder eines Unternehmens. Ein tolles Beispiel und auch ein gutes Vorbild für Unternehmen und die Gesellschaft sind Fußballclubs. Deren Zusammengehörigkeit, also der Teamspirit, geht über die reine Mannschaft hinaus. Der Fan ist der zwölfte Mann oder die zwölfte Frau auf dem Platz und alle gehören untrennbar zusammen. Das gilt im besten Fall auch dann, wenn der Club absteigt, die Zusammenarbeit mit einem Trainer oder Sponsor nicht mehr so richtig klappt oder Geldprobleme drohen. Die Heimat „Verein“ ist sowohl ein Ort, der über die regionale Zugehörigkeit definiert wird, aber auch ein innerlich empfundenes Zuhause unabhängig von kurzfristigem Status. Nicht umsonst hat ein Club wie Borussia Dortmund in seinen Werten den Punkt „Echte Liebe“ definiert.

Die große Kunst ist es, örtlich und menschlich gebundene Heimat mit der emotional inneren Heimat zu verbinden. Dann sind wir wirklich zuhause. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, würde die Wahl immer auf ein geistig, seelisch und schöpferisches Zuhause fallen. Denn den inneren Spirit können wir immer wertschöpfend durch reales Handeln kapitalisieren; dem Gefühl, echte Taten folgen lassen. Das ist das Allerwichtigste im Leben.

Dostojewski hat einmal gesagt: Ohne Heimat sein heißt leiden: Wie stehen Sie dazu?

Da Heimat für mich dort ist, wo die Menschen sind, die ich liebe und von denen ich geliebt und wertgeschätzt werde, kann ich diesen Gedanken sehr gut nachempfinden. Jeder von uns hat schon einmal erlebt, was es bedeutet, einen Menschen zu verlieren oder einen Ort verlassen zu müssen, an dem wir uns heimisch gefühlt haben. Das kann auch heißen, dass wir Weggefährten zurücklassen, mit denen wir einen wichtigen Lebensabschnitt geteilt haben. Gerade aktuell erlebe ich, wie meine Töchter heranwachsen und sich aus der Heimat entfernen – die eine hat diesen Sommer die Schule beendet und lässt diesen Lebensabschnitt nun hinter sich, die andere studiert bereits im Ausland und hat so auch eine räumliche Distanz zwischen sich und ihre Heimat gebracht. Ich glaube, der Zauber beim Thema Heimat liegt in den Gefühlen, die wir mit dem Begriff verbinden: Geborgenheit, Gemeinschaft, Vertrautheit, Bekanntsein und vor allen Dingen mit einem sicheren Gefühl, Teil von etwas Großem und Ganzen zu sein. Der Verlust oder das Ausbleiben dieses Gefühls, kann definitiv als Leid empfunden werden.

Sie haben sehr früh angefangen, Ihr Unternehmen international auszurichten. Sie haben Kunden beispielsweise in Luxemburg und in den Staaten. Ist Deutschland nicht Ihre unternehmerische Heimat?

Natürlich bin ich in Deutschland verwurzelt und kann mit Sicherheit sagen, dass das auch so bleibt. Als Kind eines türkischen Gastarbeiters wurde mir die Internationalität aber quasi in die Wiege gelegt. Schon mein Vater war ein weltoffener Bürger. Das hat mich sehr geprägt. Wir können das Zusammenrücken der Welt doch auch nicht mehr wegdenken oder -reden. Viele relevante Themen und Megatrends betreffen uns ja nicht mehr nur lokal oder regional, sondern auf der ganzen Welt gleichermaßen – Klimakrise und -schutz, Digitalisierung, die Überalterung der Gesellschaft, soziale Ungerechtigkeiten … – ich könnte noch weiter aufzählen. Die Digitalisierung zum Beispiel und die aus ihr resultierenden Möglichkeiten erlauben und zwingen uns sogar, dass wir die ganze Welt als Heimat begreifen und uns selbst gesamtunternehmerisch sowohl ökologisch, sozial als auch gesellschaftlich mitverantwortlich fühlen und entsprechend handeln. Und immer mehr Menschen tun dies. Sie denken international und global vernetzt. Im Rahmen meiner beruflichen, sozialen und persönlichen Aktivitäten gebe ich auch konsequent mein bestes, indem ich zum Beispiel meine Social-Media-Kanäle auf Englisch bediene, einen Invest in ein Beratungsunternehmen in der Türkei plane oder dieses Jahr erstmalig nach China reise.  

Haben Unternehmen eine Verantwortung gegenüber ihrem Standort und der dazugehörigen Region?

Die Antwort ist einfach: definitiv ja. Besonders in Deutschland und in vielen anderen Industrieländern, in denen mehrheitlich Kommunen, Länder und Regierungen, aber auch die Menschen in der Region, einen sehr wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten und geleistet haben. Aus meiner Sicht ist es falsch und verwerflich, dass viele mit steuerlichen Tricksereien oder ausgeklügelten Unternehmenskonglomeraten mit undurchsichtigen Holdingstrukturen, Abgaben in den jeweiligen Ländern und in den entsprechenden Kommunen umgehen. Das ist Missbrauch von ökonomischen, ökologischen Ressourcen als auch des Arbeitsmarktes und muss direktiv unterbunden werden. ABER, es muss Unternehmen auch möglich sein, im Rahmen nationaler und internationaler Märkte wettbewerbsfähig zu sein. Dafür müssen die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden. Dazu gehören technologische und mobile Infrastrukturen, ebenso wie verfügbares Personal, bezahlbare Personalkosten und eine Auswahl an Zulieferern in der Region, die ermöglichen, die eigene Service- oder Produktionsleistung zu erbringen. Hier ist neben den Unternehmern auch die Region und die Politik gefragt.

No Comments

Sorry, the comment form is closed at this time.