Markus Schollmeyer: Deutschland – Heimat von 80 Millionen Richtern -
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Markus Schollmeyer: Deutschland – Heimat von 80 Millionen Richtern

Kaum irgendwo auf der Welt werden die eigenen Helden so schnell gestürzt wie in Deutschland. Von Boris Becker bis Jan Ullrich – einst Helden, heute abgestempelt. So geht es jetzt auch Fußball-Held Christoph Metzelder. Keine Frage: Wer Kindern etwas antut, der gehört bestraft, ja dem gebührt keine Milde, kein Berufen auf Ausreden. Kinder können sich oft nicht wehren. Deshalb müssen wir sie als Gesellschaft beschützen. Das ist unsere Pflicht und daran wird sich auch nichts ändern. Also alles klar in Sachen Metzelder?

Was wenn nicht?

Er hat angeblich kinderpornographische Bilder verschickt. Das ist strafbar und gehört auch bestraft. Nicht um Kinder zu schützen, sondern weil wir damit Kinderpornographie – ähnlich übrigens wie das Verbreiten rechter Hetze – verhindern wollen und müssen. Soweit das Grundsätzliche. Und nun zum Speziellen: Nirgends werden die Deutschen so hysterisch, wie bei Straftaten im Zusammenhang mit Kindern oder Ausländern. Da wird aus einem mittlerweile leidensfähigen Volk ein Haufen verbaler Scharfmacher. Selbst vor der Todesstrafe würden sie nicht Halt machen. Diesen gnadenlosen Richtern reicht dann ein Verdacht, eine bloße Möglichkeit aus, um andere in Gedanken zu vernichten. Und so fiel auch die virtuelle Guillotine und vernichtete das Leben von Christoph Metzelder, noch bevor dieser durch ein Gericht verurteilt ist, sogar bevor er überhaupt angeklagt wurde oder irgendjemand die angeblichen Beweise gesehenen hat. Seine Geschäftspartner haben sich abgewendet, sein Ruf ist zerstört. Und dabei wird es nicht bleiben. Alles richtig, wenn er es getan hat. Aber was, wenn nicht?

Abgestempelt ohne Anklage

Überzeugt Sie nicht? Gut dann machen wir ein kleines Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, Metzelder hätte wegen Steuerhinterziehung Besuch von der Polizei bekommen. Oder er hätte Bilder mit rechtem Gedankengut verschickt. Dann hätte es wohl keine so große Aufregung gegeben, womöglich hätten ihm sogar einige auf die Schulter geklopft. Sein Leben ginge einfach weiter. Jetzt ist es vernichtet. Selbst, wenn er nichts Strafbares getan hat. In den Köpfen der Mehrheit ist dieser Christoph Metzelder bereits zum Tode verurteilt und aus der Gesellschaft verbannt. 80 Millionen Bundestrainer haben ihn abgestempelt – als widerliche Kreatur, von der man sowas nie gedacht hätte. Aber ist er denn wirklich eine oder sieht es nur so aus als könnte er eine sein? Wir wissen es noch nicht. Wie auch, wenn die Polizei noch nicht einmal die Handys als die Tatwerkzeuge ausgewertet hat.

Wieviel ist Wahrheit wert?

Da frage ich mich: Ist die Wahrheit in Deutschland mittlerweile so wenig wert? Reicht es heute schon, wenn man ein ungutes Gefühl hat, so ein Ziehen womöglich in der Darmgegend? Nein, denn einzig und alleine die Wahrheit kann Grundlage einer Verurteilung sein. Sowohl in den Köpfen, als auch vor Gericht. Und selbst wenn die namhaftesten Zeitungen von einer Verhaftung schreiben, ersetzt das kein Urteil und lässt uns die Wahrheit noch immer nicht kennen. Selbst dann, wenn Staatsanwaltschaften solche Informationen in die Welt gesetzt hätten, weil sie sie an die Zeitung gaben. Denn: Staatsanwälte sind zwar Teil der Justiz, dürfen aber keine Urteile sprechen. Wieso sollte dann die Öffentlichkeit tun dürfen, was selbst Staatsanwälten verwehrt ist?

Wenn klare Beweise vorliegen und er rechtskräftig verurteilt ist, dürfen wir alle darüber urteilen, was wir davon halten. Aber eben nur, wenn auch alle Fakten auf dem Tisch liegen. Wer es jetzt schon tut, der hetzt und tritt den Wert der Wahrheit mit Füßen!

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