Montagshappen Interview: 5 Fragen an Katja Urbatsch
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Montagshappen Interview: 5 Fragen an Katja Urbatsch

Soziale Gerechtigkeit fängt bei der Bildung an. Doch noch immer beeinflusst die soziale Herkunft in Deutschland Bildungschancen sehr stark. Von 100 Kindern aus nicht-akademischen Familien nehmen nur 23 ein Studium auf, obwohl doppelt so viele das Abitur erreichen. Von 100 Akademikerkindern studieren dagegen 77. Die Montagshappen-Redaktion hat deshalb mit Katja Urbatsch, Gründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation ArbeiterKind.de gesprochen und sie nach der Situation und Perspektiven befragt.

Wie wichtig ist es für unsere Gesellschaft, dass jeder die Möglichkeit hat, zu studieren?

Bildung ist Menschenrecht. Die Teilhabe an der Gesellschaft durch gleiche Bildungschancen für alle ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft, Gesellschaft und unserer Demokratie. Wir können es uns angesichts des Fachkräftemangels nicht länger leisten Potenziale zu verschenken. Je mehr höherqualifizierte Menschen der Wirtschaft zur Verfügung stehen, desto besser. Kinder aus Familien ohne Hochschultradition bringen andere Perspektiven in Unternehmen. Diese gesellschaftliche Öffnung ist wichtig für die Zukunft.

Sind es  gesellschaftliche Gründe, dass Arbeiterkinder oft nicht studieren können oder liegt es eher am Familienumfeld?

Die Familie hat einen großen Einfluss. Denn Eltern tendieren dazu, ihren eigenen Bildungsweg zu empfehlen. Wenn nur ein Elternteil selbst studiert hat, strebt auch das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Studium an. Wenn Eltern jedoch beispielsweise selbst kein Abitur haben, bestehen häufig Ängste. Insbesondere die Finanzierung des Studiums macht vielen Sorgen. Es fehlt an Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner und an Informationen. Viele Eltern wissen nicht, dass es BAföG gibt oder haben Angst davor, dass sich ihre Kinder verschulden.

Wie unterstützen Sie und wer kann zu Ihnen kommen?

ArbeiterKind.de besteht aus einem Netzwerk aus 6.000 ehrenamtlich Engagierten. Deutschlandweit gibt es 75 lokale Gruppen. Unsere Ehrenamtlichen informieren, ermutigen und begleiten auf dem Weg zum Studium, währenddessen und auch danach beim Berufseinstieg. Viele unserer Engagierten sind selbst die Ersten, die in ihrer Familie studieren oder studiert haben. Sie wissen, welche Hürden es zu meistern gilt und können in besonderer Weise auf die Probleme der Ratsuchenden eingehen.

Vor Ort bieten unsere Engagierten offene Treffen, Sprechstunden und ein individuelles Mentoring an. Sie gehen in die Schulen und informieren SchülerInnen rund ums Thema Studium, erzählen ihre eigene Bildungsgeschichte und machen damit Mut. Neben der Webseite, die umfassende Informationen zu Studienfinanzierung und Stipendien zur Verfügung stellt, gibt es ein Infotelefon für Studieninteressierte und Eltern. Wir haben außerdem ein eigenes soziales Online-Netzwerk mit 12.000 Mitgliedern, das dem Austausch und der Vernetzung dient. Unser Angebot richtet sich in erster Linie an junge Menschen aus Familien ohne Hochschultradition, die studieren möchten oder bereits studieren. Aber jeder, der Fragen zum Thema Studium hat oder Rat sucht, ist willkommen.

Gibt es Länder, an deren Vorbild wir uns orientieren sollten?

Die nordischen Länder machen vor, dass die Studienfinanzierung auch unbürokratischer funktioniert. Zum Beispiel Staaten wie Finnland, die Studierende als eigenverantwortliche Heranwachsende betrachten und ihnen die finanziellen Mittel ohne Einschränkung zur Verfügung stellen. Dem liegt die Haltung zugrunde, dass gut qualifizierte Hochschulabsolventen später durch entsprechende Steuerzahlungen das erhaltene Geld dem Staat wieder zur Verfügung stellen. Der Zuschuss ist elternunabhängig, d.h. mit geringem bürokratischem Aufwand verbunden. Diese Regelung findet sich in den anderen skandinavischen Ländern wie Schweden, Norwegen und Dänemark.

Was müsste Ihrer Meinung nach die Politik unternehmen, um Bildung gerechter zu machen? Und was kann jeder abseits der Politik tun, um allen einen fairen Zugang zu ermöglichen?

Das BAföG muss unbürokratischer werden und die reale Lebenssituation heutiger Studierender berücksichtigen. Die Förderungssätze reichen leider bei weitem nicht aus. Nachdem es mehrere Jahre keinen Inflationsausgleich gegeben hat, sehen sich Studierende heutzutage mit sehr viel höheren laufenden Kosten konfrontiert, d.h. vor allem die Mieten sind überdurchschnittlich gestiegen, das Angebot an bezahlbarem Wohnraum, z.B. In einem Studentenwohnheim, ist aber begrenzt. Das Problem sind aber nicht nur die gestiegenen laufenden Kosten. Die Kosten, die bisher nicht durch das BAföG abgedeckt werden, sind immer schwerer zu bewältigen. Das betrifft den Umzug in eine andere Stadt, die “Startausrüstung” mit Laptop, Drucker, Internetzugang, Mobiltelefon, die heutzutage vorausgesetzt wird. Hier muss vieles in Vorleistung erbracht werden, bevor klar ist, ob und wieviel BAföG derjenige erhält.

Aber nicht nur die Politik ist gefordert, mehr Gerechtigkeit zu schaffen durch mehr Förderung. Jeder einzelne kann etwas tun, Eltern, Lehrkräfte, aber auch Familienangehörige oder Freundinnen und Freunde, die sehen, dass da ein Kind Unterstützung braucht, um sich entfalten zu können. Es geht darum, die Stärken zu sehen und nicht nur die Schwächen zu betonen. Das schafft mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft und macht sie fit für die Zukunft.

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