Uwe Rühl: Sterben ist eine Option – damit Neues entsteht
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Uwe Rühl: Sterben ist eine Option – damit Neues entsteht

Schon im zarten Alter von acht Jahren wurde ich mit dem Tod konfrontiert. Mein erster Nebenjob fand auf dem Friedhof statt. Für sieben Mark bar auf die Hand trug ich bei evangelischen Beerdigungen ein Holzkreuz. Diesen Job machte ich bis zu meiner Konfirmation. Danach wurde ich der jüngste Sargträger in meiner fränkischen Heimatstadt – für 20 Mark pro Beerdigung, ein großartiges Taschengeld.

Warum erzähle ich Ihnen das? Auf keinen Fall, um den Tod zu bagatellisieren. Dafür habe ich einfach, zunächst als Zivildienstleistender und später als Rettungsassistent, zu viele erschütternde Szenen erlebt. Und ich habe früh gelernt, dass der Tod zum Leben dazugehört.

Im Leben wie in der Wirtschaft

Seit Corona bleibt uns allen nichts anderes mehr übrig, also uns wieder einmal genau damit zu beschäftigten. Und zwar ganz besonders als Unternehmer*in. Denn wir schieben nicht nur den eigenen Tod oder auch den eines geliebten Menschen, sondern auch den betriebswirtschaftlichen Tod unsers Unternehmens in der Regel weit von uns. Das verwundert nicht weiter, ging es unserer Wirtschaft in den letzten Jahren ja auch klasse. Umsätze stiegen und neue Geschäftsmodelle ließen sich erfolgreich umsetzen. Die Globalisierung brachte Produkte und Dienstleistungen bis in die entferntesten Ecken dieser Erde. Arbeitskräfte wurden dort angeheuert, wo sie günstig (oder sagen wir: billig?) waren. Die Lieferketten waren global ausgerollt.

Seit ein paar Wochen nun stehen viele nun vor den Trümmern ihrer Unternehmen. Wir kämpfen unter anderem mit Reiseverboten, unterbrochenen Geschäftstätigkeiten und Einreisebeschränken. Das wird den unvermeidlichen Tod vieler Unternehmen bedeuten. Hilfspakete wurden zwar beschlossen, dringen aber häufig gar nicht erst bis zu den Unternehmen durch, die sie nötig hätten.

Zum Glück wird Corona für die meisten Unternehmen nicht das Ende bedeuten. Aber für uns alle wird Corona mehr oder weniger einen Wendepunkt darstellen.

Nach Corona gibt’s ein neues „Normal“

Denn „back to normal“, wie wir es aus dem Business-Continuity-Management kennen, wird von jetzt an etwas anderes bedeuten als vor Corona. Früher wurde lediglich analysiert und geplant, was zu tun ist, wenn die Geschäftstätigkeit unterbrochen wird. Gesucht wurde der Weg zurück in den Zustand vor der Krise. Heute müssen wir mitbedenken, dass sich nach Corona die Erwartungshaltung unserer Kunden verändert hat oder die gar nicht erst zurückkommen. Keiner kann bisher absehen, was nach Corona kommen wird, wie sich die Gesellschaft und damit auch die Unternehmenswelt verändern wird. In einem können wir aber sicher sein. „Normal“ wird dann anders sein.

Nach Krise kommt Kreativität

Woran liegt das? In der Resilienz-Forschung sprechen wir gerne von einem Gleichgewichtszustand, einem Equilibrium. Durch äußere Einwirkungen, wie beispielsweise Corona, wird dieses Gleichgewicht gestört oder sogar zerstört. Ein neues, verändertes Equilibrium ist die Folge.

Das muss gar nicht schlecht sein – im Gegenteil. Nach existentiellen Krisen entstehen häufig die besten Phasen von Kreativität und Erfindungsgeist. Durch Corona haben wir die Chance, vieles neu zu denken. Auch im Hinblick auf eine weitere Kraft, die unser bisher so geliebtes Equilibrium verändert: die Klimakrise. Unternehmerinnen und Unternehmer können jetzt Neues anpacken und kreativ sein.

Nach dem Sterben ist vor LARG

Sterben ist also manchmal – hier bitte nur im metaphorischen Sinn zu verstehen – eben doch eine Option, damit Neues entstehen kann. Das können kürzere, nachhaltigere Lieferketten sein oder auf Widerstandsfähigkeit ausgerichtete Geschäftsmodelle. Vielleicht sind wir nach Corona näher dran am Verbraucher und trotzdem global eingebunden. Eventuell vernetzen wir digitales und analoges Leben noch enger. Kurzum: Ich hoffe auf mehr Lebensqualität durch smarteres Arbeiten.

In der Resilienz-Forschung gibt es den Begriff der LARG-Unternehmen.

  • Lean – Verschwendung an jeder Stelle im Wertschöpfungsprozess eliminieren
  • Agil – dynamische, anpassungsfähige Unternehmen die neue Stabilitätszustände erreichen können
  • Resilient – Widerstandsfähigkeit durch gute Vernetzung, Redundanzen und Reserven, welche die Überlebensfähigkeit sicherstellen können
  • Green – nachhaltig auf unsere Umwelt und einen schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen ausgerichtet

Das entspricht dem, was wir unter #surviveANDprosper verstehen. Überlebensfähig sein und einen neuen Gleichgewichtszustand erreichen.

Hier ein paar konkrete Tipps für die Umsetzung:

  1. Jetzt ausmisten! – Nutzen Sie die Chance, herauszufinden, welche Tätigkeiten und welche Produkte nur Verschwendung sind und in den Müll gehören!
  2. Holen Sie Teams neu zusammen! – Werden Sie kreativ und sammeln sie gemeinsam Ideen, die Sie dann schnell in einfach Prototypen umsetzen, die Sie mit Ihren Kunden testet. So finden Sie heraus: Was kommt beim Kunden an? Was brauchen unsere Kunden jetzt am meisten? Was wünschen sie sich?
  3. Fragen Sie sich, wie Lieferketten neu gedacht werden sollten. Denken Sie dabei global, aber beschaffen Sie lokal, wo das möglich ist. Zu klären ist auch, wo es mehrere Lieferanten braucht, um nicht in die Single-Sourcing-Falle zu geraten?
  4. Klären Sie, welche Reserven Sie als Unternehmen brauchen. Denn Liquidität, Material, Rohstoffe, Zwischenlager und Tagesgeldkonten sind niemals out.
  5. Denken Sie jetzt auch an Belange des Klimaschutz und daran, wie Sie in besser einbauen können – zum Beispiel über hochwertige Produkte mit einem möglichst hohem Lebenszyklus und einer guten Verwertbarkeit am Ende des Produktlebens.
  6. Jetzt ist die Zeit, um zu netzwerken – Vielleicht ergeben sich plötzlich ganz neue Partnerschaften und daraus sogar neue Geschäftsideen.

 

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